DIE LEERE GRAPEFRUIT
Das Werk der Fäulnis konnte
ich einfach nicht verstehen.
Auf dem Heizkörper lag die halbe
Grapefruit leer, trocken und hart. Schon
gut so. Habe sie mit Wasser gefüllt –
dann trocknete sie wieder. In Ordnung.
Doch das zweite Mal weich geworden,
verlor sie die Form und war schwarz
gebrannt. Stinkend löste sie sich auf,
belastete das Zimmer mit dem
leidigen Geruch ihrer Gegenwart.
Wenn ich mal fortging, lief das Wasser
aus. Unter der Heizung schimmelte
der Kunststoffboden. Im Rundfunk
gab es unentwegt Nachrichten.
Die Veränderungen, damals
schon zum Greifen nahe,
verschwanden nicht, als ich
die Grapefruit fortwarf.
»Wenn einer in Rom, Paris oder New York ankommt, sieht er in den Gesichtern um sich herum das Dörfliche, das Ende der Welt. Als sei man am einzigen Ort, wo man sein könnte, nirgendwo sonst.« Denn »bei genauer Betrachtung« – und davon handeln die welthaltigen Gedichte von István Vörös – zeigt sich das Ländliche im Urbanen, das Ferne im Nahen, das Mädchen in der Großmutter, die Metro wird zum »rasenden Erddrachen«, das gelbe Taxi zum »Nachen«, sein Fahrer »Charon persönlich«.
Vörös’ Verwandlungsspiele bleiben ganz nah an der Realität, ja sie machen diese erst sichtbar, indem sie unsere eingeübten Wahrnehmungsmuster aufbrechen – in klarer Sprache und konzisen Bildern, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen.
István Vörös, geb. 1964 in Budapest, ist Lyriker, Prosaautor, Essayist und Übersetzer. Die Liste seiner Beschäftigungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Kindergartenkind, Gymnasiast, Bibliotheksmagazinist, Hilfsarbeiter im Museum, Hochschulstudent, Taugenichts in Paris, New York und Prag und gegenwärtig Universitätsdozent in Budapest. Nun ist er wirklich bemüht etwas zu lernen, und das von seinen Schülern. Er hat zwei Kinder, über die er viel schreibt. Sein achtjähriger Sohn diktiert ihm seine Gedichte.
Sein umfangreiches, in bereits mehr als zehn Sprachen übersetztes Werk wurde international mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Vilenica-Preis (2000), dem Attila-József-Preis (2003) und dem Hubert-Burda-Preis (2003). Die leere Grapefruit ist seine erste deutsche Buchveröffentlichung.
István Vörös, Die leere Grapefruit. Gedichte
Deutsche Erstausgabe
Ungarisch / Deutsch, übersetzt von Zsuzsanna Gahse
104 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 3-902113-34-0 € 17,40 / sfr 29,90
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