Sara Ventroni

Im Gasometer
Aus dem Italienischen von Julia Dengg


      ERINNERUNGEN

      als wir im all waren
      gab es keine zeit, nichts fiel
      ins gewicht. keine anziehungskraft
      masselos alles und ohne fall.
      der kopf war kein vers:
      was dort auf dem kopf steht
      war unübersetzt hier drüben.

      all diese dinge die in die ären
      drängten, ins metallzeitalter:
      gold eisen stahl blei
      das plastikmaterial.

      nun lebt man im raumanzug: der mund
      über den schlauch mit der lunge
      verbunden, unnatürlich: man muss
      die gebrauchsanweisung lesen.

      und weil das gedächtnis fixiert ist auf loslösung
      schweben viele in gefahr – mit graziösen gesten
      dem primitiven gedenkend –
      durchzuglühen.

Die Zeit der Gasometer ist lang vorbei. Ihre ursprüngliche Funktion haben sie eingebüßt, und doch fasziniert uns ihr architektonisches Gebilde nach wie vor. Als Relikt einer Moderne, in der die Arbeit greifbarer und körperlicher war als heute, stehen sie einer Welt gegen­über, die zusehends immateriell, virtuell und spekulativ wird.
Sara Ventroni nähert sich dem Gasometer aus unterschiedlichsten Perspektiven und stellt überraschende Bezüge zu Themen der Kunst, Philosophie und Religion her – etwa zu Marcel ­Duchamps »­Großes Glas«, Herman ­Melvilles »­Moby-Dick« oder zur Kabbala: »­Alles im Gasometer, nichts außerhalb des Gasometers.«
Entstanden ist dabei eine anregende literarische Meditation, in der sich der Erfahrungsraum zu einem Denkraum weitet. Vielgestaltig in der Form, mit Gedichten, Fotos, Skizzen, Essays und einer Erzählung, vermessen Ventronis Texte die thematischen Möglichkeiten jenes ausgedienten zylindrischen Industriebaus, dessen Offenheit letztlich nur fragmentarisch beizukommen ist.

Sara Ventroni, geb. 1974, lebt als Autorin und Mitarbeiterin der »Gramsci Institute Foundation« in Rom. Sie ist Mitbegründerin der Frauenbewegung Se non ora quando? und arbeitete als Journalistin bei der Zeitung L’Unità. Seit 2004 veröffentlichte sie ein Theaterstück, Kurzgeschichten und Gedichte. Für ihren von der Kritik begeistert aufgenommenen Band Nel Gasometro (Le Lettere, 2006) wurde sie 2007 mit dem »Premio Napoli« ausgezeichnet.




Sara Ventroni, Im Gasometer
Aus dem Italienischen von Julia Dengg
Deutsche Erstausgabe
140 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902951-13-7      € 20,00