gummischuhe schaffen wir ab
denn die werden nicht mehr getragen
und den tod und die fliegen
die keine festen landeplätze haben
einige dumme zahlen schaffen wir ab
dann werden wir endlich aufatmen
und frei zählen
eins zwei drei siebzehn
alle wörter schaffen wir ab
die weniger als fünf buchstaben haben
denn es ist vollkommen klar
daß sich nur solche wörter gehören
und die gebirge
wir schaffen den kreis ab
denn wir haben das quadrat
denn warum beides haben
ein bein so
und das andere so
und den nachmittag
da geht die sonne unter
wir schaffen die milz ab
denn was soll die milz
wenn wir eine leber haben eine lunge
und viel zu viel von diesen dingen
und sizilien
denn das ist eine ganz gewöhnliche pathologische erscheinung
das linoleum
denn es weiß nicht wo baku liegt
und pullover denn die zieht man über den kopf
wir schaffen das atmen ab
denn es bricht aus
denn es bricht aus
denn es bricht aus
und den hanf
denn lein und hanf
das hört sich so irre seltsam an
den himmel schaffen wir ab
und das wasser denn voda beginnt mit v
seht euch bloß dies zeichen an
wie es balanciert auf einem bein
und oben auseinanderklafft
und schließlich die zeit
und überhaupt die sauberkeit
denn alles saubere wird schmutzig
und was dann was dann
Selten hat ein junger Mann die Dichtung seines Landes dermaßen umgestülpt und jedwede Autorität herausgefordert wie der Slovene Tomaž Šalamun. 1964 wurde er als Redakteur der Literaturzeitschrift Perspektive zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt, kam durch internationalen Druck aber nach fünf Tagen frei und wurde über Nacht zum Kulturheld. »In der Folge musste ich meinen Gedichten alles geben, um diesem unverdienten Ruhm gerecht zu werden«, meint der Autor.
Wie sehr seine – längst legendären – frühen Gedichte diesen Anspruch einlösten, davon legt der Band Aber das sind Ausnahmen beredtes Zeugnis ab. Der Name Šalamun avancierte zum Synonym für Moderne, Provokation, Skandal. – Who is who? Jeder sein eigener Lenin.
Ein »Hohelied der panšalamunschen Religion«. Spielerisch, freudig, frech. Frisch wie am ersten Tag.
Tomaž Šalamun, geb. 1941 in Zagreb, aufgewachsen in Koper, lebt zurzeit als Stipendiat des DAAD in Berlin. Sein Gedichtband Poker (1966), dem inzwischen mehr als 30 weitere Bände folgten, markiert einen Neubeginn in der slovenischen Lyrik. Seine Gedichte sind in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. Im Herbst 2003 erschien in der Edition Korrespondenzen der zweisprachige Auswahlband Vier Fragen der Melancholie, übersetzt von Peter Urban, und im Frühjahr 2005 Ballade für Metka Krašovec in der Übersetzung von Fabjan Hafner.
Tomaž Šalamun, Aber das sind Ausnahmen. Gedichte
Aus dem Slovenischen von Peter Urban
100 Seiten, broschiert, fadengeheftet
ISBN 3-902113-29-4 € 14,– / sfr 24,50
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