Tomaž Šalamun ist ein Scheusal.
Tomaž Šalamun ist eine Kugel, die in der Luft schwebt.
Niemand kennt ihre Erdumlaufbahn.
Sie liegt im Halbdunkel, schwimmt im Halbdunkel.
Die Menschen und ich schauen sie an, verwundert,
wir hoffen auf das Gute, vielleicht ist sie der Stern von Betlehem.
Vielleicht ist sie die Strafe Gottes,
ein Stein, der Grenzstein der Welt.
Vielleicht ist sie ein Punkt im Weltall,
der dem Planeten Energie geben könnte,
wenn Erdöl, Stahl und Nahrung erschöpft sind.
Vielleicht ist sie nur ein Spiel der Zellen, eine Geschwulst
und man sollte ihr den Kopf abreißen wie einer Spinne.
Aber dann würde etwas
Tomaž Šalamun ausschlürfen, wahrscheinlich der Kopf,
wahrscheinlich eher der Kopf als der Körper.
Aus dem Kopf würden neue Beine wachsen.
Wahrscheinlich müsste man ihn pressen
zwischen zwei Glasplatten, photographieren und einlegen
in Formaldehyd, damit die Kinder ihn anschauen können
wie Föten, Meerjungfrauen und Grotten-
olme.Die Türsteher würden spekulieren
mit den Eintrittskarten und sie zweimal verkaufen.
Das ist gut für die Menschen, das gibt ihnen Brot.
Nächsten Sommer wird er wahrscheinlich in Hawaii sein
oder in Ljubljana. Auf Hawaii ist es sehr
warm. Zur Uni gehen die Leute barfuß.
Die Wellen sind bis zu einhundert Fuß hoch.
Unaufhörlich bebt, bebt die Erde.
Durch den Ort hasten Profitmacher.
Die Gegend ist phantastisch für die Liebe,
denn Salz ist in der Luft und sanfter Wind.
In Ljubljana aber sagen die Leute: sieh mal!
Das ist Tomaž Šalamun, in einen Laden ist er gegangen,
er kauft mit seiner Frau Maruška Milch
um Milch zu trinken.
And that's history.
»Des Bildes meines Stammes müde / bin ich ausgewandert.« – Mit diesem Fanfarenstoß eröffnete Tomaž Šalamun, der als »eines der großen philosophischen Wunder« in der europäischen Poesie und als »secret godfather to a species of new American poets« apostrophiert wurde, sein Werk.
Mit befreiender Respektlosigkeit schuf Šalamun eine Poesie des Spiels und der Freude. Seine grenzenlose Sensibilität öffnet sich immer neuen Themen und Beziehungen. »Es gibt eine andere Welt, und sie ist in dieser einen«, sagt Paul Eluard. Šalamuns Gedichte erwecken diese höhere Realität im Leser: die Lust und den Rausch des Subjektes, das sich der Weite und Vielfalt der Welt bewusst ist – albern, schrecklich und göttlich zugleich.
In dem zweisprachigen Auswahlband ist das faszinierende Werk eines vielseitigen Dichters zu entdecken, eines auf die Phantasie vertrauenden Intellektuellen und Kosmopoliten, der immer die persönliche Wahl und das eigene Erleben respektiert.
Tomaž Šalamun, geboren 1941 in Zagreb, aufgewachsen in Koper, lebt in Ljubljana. Sein Gedichtband Poker (1966), dem inzwischen mehr als 30 weitere Bände folgten, markiert einen Neubeginn in der slovenischen Lyrik. Seine Gedichte sind in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. In der Edition Korrespondenzen ist ferner erhältlich: Aber das sind Ausnahmen (Ü: Peter Urban), und Ballade für Metka Krašovec (Ü: Fabjan Hafner).
Tomaž Šalamun, Vier Fragen der Melancholie. Gedichte
Deutsche Erstausgabe
Slovenisch/Deutsch, übersetzt von Peter Urban
184 Seiten, gebunden, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 3-902113-25-1 € 22,20 / sfr 37,70
Pressestimmen