Martin Kubaczek

Palais Rotenstern
Porträts, Skizzen, Begegnungen


      KUNSTPFEIFERIN

      Ich war begehrt, üppig und schlank, hab mich
      Janette genannt, großzügig, dominant, habe
      getanzt für Schah und Scheiche in Arabien
      mit weißer Robe, Zigarettenspitz, ich war

      begehrt, ein Star, mit langen Beinen, auf Fotos
      gut zu sehen, ging auf Tournee, bin aufgetreten
      behandschuht bis zum Arm, André hat mich
      für seine Show entdeckt, ich konnte ganze

      Symphonien pfeifen, wurde in fünfzig Ländern
      gesehen und übertragen, hier um die Ecke
      bin ich aufgetreten mit Josephine Baker,
      im Varieté Pigalle, Zirkusgasse, Nachtcafé –

      wiegt sich, nachdenklich, im Vorübergehen
      mit Perücke, goldener Schmuck, große Brüste
      wie sie mich anblickt, abwägend, ob ich
      verstehe, die Braue, die sie fragend hebt

Die Geschichten eines Hauses – von den Deportationen in der einst jüdischen Vorstadt bis zu den Asylanten und Migranten, die hier nun Zuflucht finden, von den Studenten in der WG, von Hoffesten, Neonazis und den letzten alten Bewohnerinnen, die einst als junge Mädchen die Wohnungen der Deportierten bezogen haben. Hinzu kommt der neue Besitzer, für den das Haus Spekulationsobjekt ist, in das er nichts mehr investiert.
Auch der Erzähler wohnt im Haus, in einem kleinen, hofseitigen Anbau. Er pflegt den Garten und die Grünpflanzen im Hof, übersprüht Hakenkreuze auf den Altpapier-Containern, und flickt sein Dach gegen den langsam einsickernden Regen.
Seine Begegnungen, Szenen und Dialoge mit den Bewohnern des Hauses und der Nachbarschaft verzeichnet er zu knappen lyrischen Notaten. Ob vom Obdachlosen, der sich ein Nest unter der Kellerstiege einrichtet, vom joggenden Trafikanten oder von der einst bekannten Kunstpfeiferin die Rede ist, sein Blick auf die alltägliche Situation verleiht nicht nur der Person Kontur, sondern macht sie auch in ihrem sozialen Umfeld, als Teil ihrer Geschichte sichtbar.


Martin Kubaczek, geb. 1954 in Wien, studierte Violine an der Musikakademie Wien sowie Germanistik und Philosophie. Von 1990 bis 2007 war er mehrfach Lektor, Dozent und Gastprofessor in Tokio und Nagoya, Japan. Zurzeit lebt er als Schriftsteller, Literaturvermittler und Violinist in Wien. Zuletzt erschienen Sorge. Ein Traum (2009), Die Knie meiner Mutter und mein Vater im Krieg (2011) und in der Edition Korrespondenzen Nebeneffekte (2015).




Martin Kubaczek, Palais Rotenstern. Porträts, Skizzen, Begegnungen
Originalausgabe
ca. 100 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, Lesezeichen
ISBN 978-3-902951-29-8      ca. € 18,00     (erscheint im Februar 2018)