AUF DER EISENBAHNBRÜCKE RUMPELT EIN ZUG
Auf der Eisenbahnbrücke rumpelt ein Zug.
Im Hafen die Wracks von Schiffen und dort weiter weg
ein niedriges Haus, das vom einstigen Smíchov zurückblieb.
Nachts, im Gebüsch stehend,
stöhnt hier jedes Mal irgendein Paar.
Auf alles sinkt Ruß,
die Brauerei qualmt. Die Kutscher mit den Pferden
gingen einmal zum Schlachthof fort und das wars.
Das alte Smíchov tönt vom Wasser,
es ist Sommer, Frauen, braun gebrannt unter den Kleidern,
die Schenkel laden gleichsam ein, wohin?
Gleichgültige Passanten unter dem Wild,
das sich aus finsteren Schluchten hierher zurückzieht.
Vor der Stadt angeblich schon Urwälder.
Die Nacht fällt ein, Frauengestöhn stiehlt sich verhalten
aus den Häusern in die Straßen.
In unvergänglichen Dirnenschößen
bewegt sich rastlos das Fleisch.
Die Sonne steigt langsam herab, dunkle Röte sickert durch den Sommer am Abend. – Eine fieberhafte Erotik durchzieht Zbyněk Hejdas Gedichte und Prosatexte, die zugleich vom Wissen um die Allgegenwart des Todes erfüllt sind. Vom ewigen roten Licht in den Kirchen, von offenen Gräbern, verwilderten Weingärten und modernden Federbetten ist da ebenso die Rede wie von stummen Verrückten, Verzweifelten, die geschüttelt im rosigen Fleisch der Dirnen vergehen. Und während der Regen ein durchfrorenes Grüppchen Begräbnisgäste durchnässt, pisst ein Betrunkener im Hof eines Wirthauses. »Man ahnt herrliche brennende Schöße«.
Zbyněk Hejda, 1930 in Hradec Králové (Königgrätz) geboren, lebt in Prag und im Dorf Horní Ves auf der Böhmisch-Mährischen Höhe. Seine Bücher konnten bis 1989 fast ausnahmslos nur im Untergrund erscheinen. Nach Unterzeichnung der Charta 77 musste Hejda – auch Übersetzer von Emily Dickinson, Georg Trakl und Gottfried Benn – seinen Lebensunterhalt als Hausmeister verdienen.
Mit Lady Feltham (1979) und Valse mélancolique (1995) schuf er zwei Schlüsselwerke der tschechischen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Teilweise handelt es sich bei diesen Texten um Traumnotate – Träume von Japanerinnen etwa, oft skurril, mitunter verstörend –, nebst einem Lobgesang auf die alten chinesischen Dichter, die »vollkommen besoffen von Reisschnaps« Verse über einen blühenden Pflaumenzweig schrieben und so »die Poesie des Alters aus der Betrunkenheit destillieren«.
Zbyněk Hejdas literarisches Schaffen wird mit diesem Band, der beide Sammlungen integral und in zweisprachiger Form enthält, erstmals auf Deutsch zugänglich gemacht.
Zbyněk Hejda, Lady Feltham / Valse mélancolique
Deutsche Erstausgabe
Tschechisch / Deutsch, übersetzt und mit einem Nachwort von Christa Rothmeier
180 Seiten, gebunden, Fadenheftung, Lesebändchen
ISBN 3-902113-16-2 € 22,20 / sfr 37,70
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