Ervina Halili

Der Schlaf des Oktopus
Aus dem Albanischen von Andrea Grill

Die Großmutter hat einen großen Mund, weil sie ihren Schmerz schlucken muss. Die Schafe sind schwarz. Der Wolf bleibt unerwähnt. Er existiert aber trotzdem.
Ervina Halilis Gedichte pulsieren in einer Melodie, zu der ein eigenwilliger Sandmann abwechselnd Vertrauen und Zweifel in die Augen der lauschenden Leser streut. Sie sind bevölkert von einer Reihe merkwürdiger Gestalten: ein in ein Cello verwandelter Mensch, schlafende Schwäne, schwangere Männer und andere Wesen. Eine »verkehrte Welt«, die ganz normal ist. Unaufgeregt und weit entfernt von Pamphleten und Fahnenträgern erschreibt sich Halili ein mögliches Vater¬land, nicht aus Grund und Boden, sondern aus dem Himmel.
Die Autorin gehört zur jüngsten Generation albanischsprachiger Dichter aus dem Kosovo, jener, die zur Zeit der Jugoslawienkriege Kinder waren. Als sie erwachsen wurden, erklärte der Kosovo seine politische Unabhängigkeit. Das einstige Jugoslawien ist für Halili eine Welt, die den Märchen nähersteht als der Realität. Ihre poetischen Bilderwelten wissen um diese Brüche und sprechen auf ihrer Suche nach Identität eine moderne europäische Sprache.


Der Gedichtband Verwandtschaft ist Teil der gemeinsam mit dem literarischen Netzwerk TRADUKI in der Edition Korrespondenzen herausgegebenen Reihe tradukita poezio, junge Poesie aus Südosteuropa.


Ervina Halili, geb. 1986 in Prishtina/Kosovo, studierte vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Prishtina. Sie veröffentlichte bisher drei Gedichtbände: Trëndafili i Heshtjes (Rose des Schweigens, 2004), Vinidra (Vinidra, 2008) und Amuletë (Amulett, 2015). Der Schlaf des Oktopus ist Ervina Halilis erste eigenständige Buchpublikation auf Deutsch..



Ervina Halili, Der Schlaf des Oktopus
Deutsche Erstausgabe
Albanisch / Deutsch, übersetzt von Andrea Grill
126 Seiten, Broschur, fadengeheftet
ISBN 978-3-902951-21-2    € 16,–