Zsuzsanna Gahse

Schon bald


      Pitt hat Übung mit Umzügen und weiß, wie man einpackt, auspackt, Überflüssiges loswird und möglicherweise wieder zurückholt.

      Jetzt sieht er in den halbleeren Zimmern Ausstellungsflächen oder Tanzsäle, und zwischendurch hat er mir vorgeschlagen, eine Tanzschule zu eröffnen. Ernst war das nicht gemeint, aber er freute sich über die freieren Räume, und gestern hat er die drei Zimmer mit verschiedenen Schritten durchquert, erst mit Onestepp und Twostepp, dann mit Blues, und zwischendurch sah er aus wie ein Sommernachtsesel mit eingezogenem Bauch und zurückgeneigtem Kopf.

      Die leeren Räume zeigen ihre wirklichen Proportionen, sagt er, der erfahrene Mann in Sachen Verzichten.

      Als wir uns jetzt in den halbwegs leeren Zimmern umsahen, ist uns beiden gleichzeitig aufgefallen, dass wir uns auf einer Bühne befanden.

Ein Aufbruch zu etwas Neuem steht an. Die Wohnung wird ausgeräumt und entrümpelt, nur die wirklich unentbehrlichen Dinge werden von der Erzählerin behalten: der Schreibtisch, die Füllersammlung, der alte und neue Schreibstuhl, ein paar schwarze Stühle, etwas Geschirr. Im fast leeren Raum werden sie samt ihrer Geschichte wieder neu sichtbar. Die Flucht der drei hintereinanderliegenden leeren Zimmer wird zum Wohnzimmertheater: Publikumsraum, Bühne, Backstage. Bald soll hier Theater gespielt werden. Kurze Szenen mit unterschiedlichen Charakteren werden geplant und geprobt, Szenen, die den Schauspielern auf der Bühne Raum zur Improvisation lassen. Relativ spontanes freies Theater nennt die Erzählerin diese offene Form. Die Schauspieler üben, wie spontanes Spiel natürlich und kunstvoll wirken kann, jenseits von übertriebener Gestik und Stimmführung. Und dann ist er da, der Tag der Premiere.
Brillant und mit viel Witz versteht Zsuzsanna Gahse zu zeigen, wie nur unter vollem Einsatz bis zur letzten Konsequenz etwas Neues zustande kommen kann, dass zu Beginn eine tabula rasa, ein leerer Raum stehen muss, der dann von Grund auf neu befüllt wird.


Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, zurzeit wohnt sie in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. aspekte-Literaturpreis, Adelbert-von-Chamisso-Preis, Italo-Svevo­PreisSchweizer Grand Prix Literatur. Über 30 Buchveröffentlichungen, in der Edition Korrespondenzen erschienen durch und durch (2004), Instabile Texte (2005), Oh, Roman (2007), Donauwürfel (2010), Südsudelbuch (2012), Die Erbschaft (2013) JAN, JANKA, SARA und ich (2015) und Siebenundsiebzig Geschwister (2017). Aus dem Ungarischen übersetzte sie für die Edition Korrespondenzen Zsuzsa Rakovszky, Ottó Tolnai und István Vörös.



Zsuzsanna Gahse, Schon bald
Originalausgabe
144 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902951-43-4        € 20,00    



Autoren-Website: www.zsuzsannagahse.ch