Zsuzsanna Gahse

Siebenundsiebzig Geschwister


      Meine Cousine betritt weinend das Zimmer,
      kurz darauf wirft sie mich zum Fenster hinaus.

      Am nächsten Tag kommt sie wieder,
      und nun will ihr die Geduld reißen.
      Mir sei immer alles zu leicht gelungen,
      daher meine Unaufmerksamkeit, sagt sie.
      Ich werfe sie zum Fenster hinaus.

      Sie haut mir eine runter.
      Ich haue zurück. Dann
      wirft sie mich zum Fenster hinaus.
      Endlich denke ich. Ich bin müde,
      es ist mir gerade recht,
      im hohen Bogen hinauszufliegen,
      nur ist das nicht das Ende.

»Geschwistergeschichten beginnen mit zwei Kindern und sind zu steigern, zehn Schwestern sind denkbar, und jeder könnte mit zwanzig Schwestern und Brüdern aufwachsen oder zu zweit bleiben, schwindelerregend vertraut über Jahre hinweg als Zwillinge, als Zwillingspaar.« Zsuzsanna Gahses neues Buch ist unterwegs in der Fülle von Geschwisterkonstellationen und ihren Gestimmtheiten.
Wahrscheinlich sind es mehr als 77 Geschwister, die in diesem Buch auftreten und von ihrer Umgebung reden, von ihren Verwandten und Familien, mitunter sogar von den Genen. Die meisten Protagonisten stammen aus Wien, sind aber alle schon flügge und können weltweit umherziehen. Auch die wiederkehrenden Samstagstreffen mit Gesprächen über das Lachen, das böse Lachen, und dem so wichtigen Singen finden bei Winnie in Wien statt.
Die Vielfalt von Schwestern und Brüdern spiegelt sich bei Gahse in ihrer Sprachvielfalt. Virtuos bewegen sich ihre Sätze in der Nähe von Gedichten, Prosaerzählungen und Essays, um immer wieder neue Textformen zu generieren. Mit ihren Erzählzellen und literarischen Echos zeichnet sie ein faszinierend flimmerndes Bild unterschiedlich temperierter Geschwisterbeziehungen.


Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, zurzeit wohnt sie in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen,u. a. aspekte-Literaturpreis, Adelbert-von-Chamisso-Preis, Italo-Svevo­Preis. Über 20 Buchveröffentlichungen, in der Edition Korrespondenzen durch und durch (2004), Instabile Texte (2005), Oh, Roman (2007), Donauwürfel (2010), Südsudelbuch (2012), Die Erbschaft (2013) und JAN, JANKA, SARA und ich (2015).
Aus dem Ungarischen übersetzte sie für die Edition Korrespondenzen Zsuzsa Rakovszky, Ottó Tolnai und István Vörös.



Zsuzsanna Gahse, Siebenundsiebzig Geschwister
Originalausgabe
176 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902951-27-4        € 20,00    



Autoren-Website: www.zsuzsannagahse.ch