Zsuzsanna Gahse

Die Erbschaft
Mit Zeichnungen von Anna Luchs


      Giovanni holt ein drittes Glas aus der Minibar, schenkt etwas Sekt ein, dann setzen sich die beiden Männer an den kleinen Tisch, der vor dem Fenster in der Ecke steht. Der Basler nimmt einen Schluck, holt seinen Notizblock hervor, schaltet sein Aufnahmegerät ein und sagt: Ich notiere.

      Gut, sagt Giovanni und lehnt sich zurück.

      Ein Bauer geht mit seinem Esel und seinem Hund in der sengenden Hitze durch eine öde Landschaft in Spanien. Plötzlich bleibt der Esel stehen, der Bauer versetzt ihm einen Peitschenhieb, dann einen zweiten Peitschenhieb, aber anstatt weiterzugehen, wendet ihm der Esel den Kopf zu und sagt laut, er sei müde und völlig erschöpft. Da lässt der Bauer die Peitsche augen­blick­lich fallen und rennt davon, der Hund ihm hinterher, und erst, als der Mann keine Puste mehr hat, setzt er sich auf die bloße Erde. Na, sagt der Hund neben ihm, der Esel, der hat uns vorhin einen ganz schönen Schrecken eingejagt, eh?

      Eh, wiederholt Giovanni, aber äh wäre besser, und noch besser wäre ein kurzes ä.

      Soll ich noch etwas aufschreiben, fragt der Mann.


Eingestreute Witze finden sich immer wieder in Zsuzsanna Gahses Büchern. Diesmal aber stehen sie im Zentrum, die kleinen szenischen Erzählungen rund um Politik, Sprache, Sex, Krankheit und Tod. Ihren großen Auftritt haben sie mitunter auf einer kleinen Bühne, wo die doppelbödig gewitzte Gesprächskultur aus dem Elternhaus der Erzählerin aufgeführt wird. An dem Versuch, einen ungarischen Sprachwitz auf Deutsch zu erzählen, scheitert die Mutter grandios. Hans, Hannes, Juan und auch Giovanni präsentieren Witze, oft landestypische und zwischendurch auch mal schlecht und falsch erzählte Witze, voller unfreiwilliger Komik.

Ernst und Unernst liegen in dieser kunstvoll inszenierten Sammlung aus Witzen und Nicht-Witzen, Beobachtungen und Figuren nahe beisammen. Denn bei genauerem Hinschauen sind Witze fast immer traurige, verrutschte Erzählungen, über die jemand lachen darf, und über die niemand lachen muss.

Wer hier die erste Träne herausrückt, dem gehört die Erbschaft.


Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, zurzeit wohnt sie in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. aspekte-Literaturpreis, Adelbert-von-Chamisso-Preis, Voß-Preis. Über 20 Buchveröffentlichungen, in der Edition Korrespondenzen durch und durch (2004), Instabile Texte (2005), Oh, Roman (2007), Donauwürfel (2010) und Südsudelbuch (2012).




Zsuzsanna Gahse, Die Erbschaft
Originalausgabe
Mit Zeichnungen von Anna Luchs
64 Seiten, broschiert, fadengeheftet
ISBN 978-3-902113-00-9      € 14,00  



Autoren-Website: www.zsuzsannagahse.ch