Zsuzsanna Gahse

Südsudelbuch


      Eine Frau geht durch den Mittelgang in Richtung Speisewagen, ihr folgt ein erwachsener jüngerer Mann, er schwingt die Hüften wie sie, schwingt etwas unbeholfen rechts aus, links nicht, der Sohn, er hat bei ihr gehen gelernt.

      Es wäre gut, niemanden sehen zu müssen.

      Hinter mir schwärmt eine Frau von den Wäldern in der Berglandschaft. Zauberhaft, berückend sei die Natur. Eines der wackligen Wörter ist Natur. Orkane oder Überflutungen fände die Schwärmerin nicht beglückend, und ich müsste sie fragen, was sie mit dem Wort Natur meint.

      Zwischendurch kreuzt der Schaffner auf, er dreht sich, kann den Oberkörper nach links und rechts schwenken, er geht wie ein europäischer Südländer, wie ein Italiener. Gut wäre es, hinter ihm hergehen zu können. Er stakst nicht, hat keine Bergbeine, obwohl auch die Italiener Berge haben.

      Schräg gegenüber von mir hat eine junge Frau in Shorts die Füße auf den Sitz hochgezogen, jetzt hockt sie mit leicht geöffneten Beinen und liest eine Zeitung.



»Alle sind unterwegs«, sagt die Erzählerin in Zsuzsanna Gahses zweiteiligem Sudelbuch, und diese Erzählerin ist mitunter selbst unterwegs, z. B. in Spanien auf den Spuren des legendären Großvaters Endre, der als Barpianist in Granada gelebt haben soll, oder mit Horaz im Valsertal. Die leidenschaftliche »Reisephilosophin« zeigt die krassen Unterschiede zwischen Flüchtlingen und Urlaubern, zwischen Landlosen und Geschäftsreisenden, und im Hintergrund spielen die Alpen mit, der Süden leuchtet auf, Iberien, die Po-Ebene und das Karpatenbecken. Im zweiten Teil des Südsudelbuches beschleunigt sich die Erzählweise, aber von Anfang an schaut sich die Icherzählerin zusammen mit Tokoll, dem Fotografen, nach Gangarten um, nach Fingersprachen, Mundarbeiten und Sprechweisen der Leute in unterschiedlichen Landschaften. Unterbrochen wird das europäische Schweifen und Schlingern ab und an durch einzelne Sudelsagas, die sich wie Dellen und Kuhlen ausnehmen.

Erzähllust, präzises Beobachten und Sprachwitz treffen hier mit Gahses Kunst des scheinbar Hingeworfenen und des gekonnten Auslassens zusammen und fügen sich zu einem wunderbar lakonischen, welthaltigen Buch.


Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, zurzeit wohnt sie in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. aspekte-Literaturpreis, Adelbert-von-Chamisso-Preis, Voß-Preis. Über 20 Buchveröffentlichungen, in der Edition Korrespondenzen durch und durch (2004), Instabile Texte (2005), Oh, Roman (2007) und Donauwürfel (2010).




Zsuzsanna Gahse, Südsudelbuch
Originalausgabe
176 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902113-93-1       € 21,00    



Autoren-Website: www.zsuzsannagahse.ch