Zsuzsanna Gahse

Donauwürfel


      DRITTER WÜRFEL

      1.
      Schon mit Siebzehn war er auf dem Schiff, fing
      als Schiffsjunge an, war bald braun gebrannt,
      auf dem Kopf eine Schildmütze, und die
      Uniformhose trug er ohne Hemd,
      sobald es warm war, im Sommer immer.
      Am Landungssteg – wobei das Schiff ständig
      zu halten hatte – warf er die Taue,
      und man sah seinen Rücken, den schönen
      glatten Rücken, die Schulterblätter in
      Bewegung. Gleich darauf drehte er sich

      2.
      um, schaute einen mit braunen Augen
      an und sagte, aussteigen bitte. Den
      Sommer lang jede Viertelstunde die
      dicken Taue werfen, ziehen, um die
      Poller wickeln, warten, weiterfahren,
      in die Sonne schauen oder tief ins
      Wasser und unabhängig bleiben. Die
      älteren Matrosen mochten ihn auch.
      Der Stefan, sagten sie, der Junge bringt
      es noch weit, und er kam bis zum Schwarzen

      3.
      Meer, dann war er verschollen. […]



Zehn Silben mal zehn Zeilen bilden ein Quadrat, zehn Quadrate einen Würfel (10 x 10 x 10 = 1 Donauwürfel). In diesem neuartigen Versmaß von Zsuzsanna Gahse strömt die Erzählung durch das Buch. Der Donau und dem Sprachfluss folgend tauchen unentwegt Geschichten auf, um in den nachdrängenden Fluten wieder zu versinken. Sie erzählen vom Leben am, im, auf, über, gegen und mit dem Wasser: von den Huchen am Flussgrund, dramatischen Hochwassern und Flussaustrocknungen, aber auch von Verzweifelten, die ihren Tod im Wasser suchten. So schwingt sich der Donaustrom in 27 Sprachwürfeln lyrisch, episch und auch szenisch durch die Tiefebene, hoch zu den Quellen und hinab zum Schwarzen Meer. In Nebenflüssen wird nach dem sagenhaften Donau­gold gesucht, Fracht- und Ausflugsschiffe kreuzen auf, mitunter wird auch arg gestritten, an den Ufern, auf dem Fluss und über ihn hinweg. Und man kann sich in das unerschöpfliche Sprachbett der Donau verlieben, aber auch in das unterschiedliche Tempo der Sätze, in die Stromschnellen des Texts. Denn wenn Zsuzsanna Gahse mit schlanker, moderner Sprache die Farben und Strömungen der Donau besingt, erweist sich als eigentlicher Hauptakteur – das Wasser.


Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin (u.a. Péter Esterházy, Péter Nádas, Zsuzsa Rakovszky, Ottó Tolnai und István Vörös) in Müllheim, Kanton Thurgau. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. aspekte-Literaturpreis (1983), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2006), Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung (2010). Über 20 Buchveröffentlichungen. In der Edition Korrespondenzen durch und durch (2004), Instabile Texte (2005), Oh, Roman (2007), Südsudelbuch (2013) und Die Erbschaft (2013)..




Zsuzsanna Gahse, Donauwürfel
Originalausgabe
144 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902113-69-6     € 18,50 


Autoren-Website: www.zsuzsannagahse.ch