Zsuzsanna Gahse

Oh, Roman



      Die sonnengelben Beine hatte ich im Flur nur einige Sekunden
      lang gesehen, beinahe gleichzeitig auch den Rücken und den
      Kopf, aber das Erkennen braucht so gut wie keine Zeit. Roman,
      wollte ich rufen. Er stand gut zehn Meter von mir entfernt, mit
      dem Rücken zu mir, und nachher, nach den Sekunden, hätte
      ich nicht sagen können, ob er eine Mütze anhatte, oder ob ich
      ihn gerade an den roten Haaren erkannte, was ich nicht glaube,
      eher an der Bewegung. Der ganze Mann war gelb, mit viel Licht
      voll gepumpt, selbst auf dem grauweißen Boden sah ich eine
      gelbe Spiegelung, so dass ich nachher an Zitrone, Sonne, Honig
      und Bernstein dachte, und er war gerade dabei, im Weitergehen
      den Kopf zu wenden, als mich die Schwester rief. Ich hatte ihn
      seit Jahren nicht gesehen, aber schon nach einer Minute, bei
      dem Vasenregal angelangt, dachte ich, jetzt würden die Erinnerungen
      einsetzen, aufpassen, jetzt werden sich die Erinnerungen
      ausweiten, sagte ich mir, und gleich waren mir zwei, drei
      slowenische Wörter eingefallen, als hätten die Wörter, die ich
      seinetwegen gelernt hatte, auf ein solches Erinnern gewartet.
      Der schlaksige Roman, dachte ich, der Arme, und hatte seine
      Gesichtszüge vor mir.



Ende Juli, ein dreitägiger Arbeitsbesuch im klimatisierten Krankenhaus – draußen flirrende Hitze, drinnen Spitalalltag. Die Ich-Erzählerin, eine »Schreiberin« aus Wien, wo sie in einem Schokoladengeschäft von Kunden bestellte Reiseberichte und Briefe verfasst, ist zu Besuch beim Goldschmied Friedrich, um dessen Einfälle und Gedanken für künftige Schmuckprojekte zu notieren. Doch in der Spitalwelt ist man sich immer wieder fremd, das Gespräch stockt, die Arztvisite rollt heran und unversehens steht die Besucherin wieder auf dem Flur. Und da, panartig, als schnell erhaschte bernsteingelbe Silhouette im Gegenlicht, taucht er auf: Roman, ihr »Lebensmann«, den sie seit 15 Jahren nicht mehr gesehen und erfolgreich vergessen hatte. Sogartig setzen die Erinnerungen ein und plötzlich ragen überall Geschichten in die Vergangenheit hinein und aus ihr heraus. Und erstmals wird die »Schreiberin«« zur Erzählerin ihrer eigenen Erinnerungen, Beobachtungen und Geschichten, so dass sich in die Chronik des Spitalbesuchs unvergesslich Romans Bild mit einschreibt.

Oh, Roman: eine Kranken- und Liebesgeschichte, ein Buch übers Vergessenwollen und Erinnernkönnen, ein subtiles Doppelporträt zweier unterschiedlicher Männer, eine Hommage an György Ligeti wie auch ein Buch über die Lust am Schreiben.

Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin (u.a. Péter Esterházy, Péter Nádas, Zsuzsa Rakovszky, Ottó Tolnai und István Vörös) in Müllheim, Kanton Thurgau. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. aspekte-Literaturpreis (1983), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2006), Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung (2010). In der Edition Korrespondenzen erschienen ausserdem durch und durch (2004), Instabile Texte (2005), Donauwürfel (2010), Südsudelbuch (2012) und Die Erbschaft (2012).



Zsuzsanna Gahse, Oh, Roman
Originalausgabe
132 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902113-51-1     € 18,50


Pressestimmen

Autoren-Website: www.zsuzsannagahse.ch