Zsuzsanna Gahse

durch und durch
Müllheim / Thur in drei Kapiteln



      Aber das Bedeutende und worüber das Dorf nicht hinwegkommt, ist die Straße, eine alte Straße, die durch die Ortschaft führt, von Westen nach Osten, von Osten nach Westen, die halbe Welt fährt hier durch, Lastwagen, Lieferwagen, landwirtschaftliche Maschinen, Tiertransporter, Panzer, Reisebusse, Postbusse, und dass jemand einmal anhält, fällt kaum ins Gewicht. Sie halten so gut wie nie an, das ist kennzeichnend für einen Durchfahrtsort, unentwegt ziehen sie zwischen dem Platz mit der Linde und unserem Haus vorbei. Zwischendurch gibt es Pausen, zwei oder sogar drei ruhige Minuten, dann rollen drei Wagen hintereinander über die Straße, oder es sind acht, schnell kommen wieder zehn in die eine, zwölf in die andere Richtung, nach einer halbminütigen Pause dann sieben nach Osten und fünf nach Westen, manche können ihren Vorsprung ausbauen, den Hintermann um einige Meter abhängen, während ich zuschaue, und sie hören nicht auf zu fahren, mal schneller, mal langsamer, was auch den Ton verändert. Der Verkehr rauscht nicht, Rauschen ist etwas anderes, Sausen wäre auch falsch, es geht eher um ein immer wieder neu einsetzendes Forroror und Sösössös, eine Komposition mit Zufallstönen.



Die halbe Welt fährt durch Müllheim. Der Ort liegt an der schweizerischen Hauptstraße 1, einem alten Verkehrsweg, unweit vom Bodensee. Sie führt durch eine »absolute Menschenlandschaft« und also mitten in Zsuzsanna Gahses neues Prosawerk. In einer Fülle von sich verzahnenden Begegnungen, Geschichten und allerlei Feldforschungen entwickelt die Autorin eine literarische Topografie von Müllheim/Thur. Schon bald wird klar: »Solche Straßen sind eine Welt für sich.«
Hin und wieder hält jemand an und besucht die Ich-Erzählerin. Bodo aus Wien und der Wolkenzähler aus Basel schmieden gemeinsam mit ihr am Plan für eine Freilufttheater-Aufführung auf dem Dorfplatz. Auf dem Dachboden des Hauses richten sie ein Archiv ein: einen Fundus aller möglichen Charaktere, eine Porträtsammlung aus Kleinst- und Beinahegeschichten, winzigen Stills. Und unter der Hand entsteht aus dieser heutigen Commedia dell’arte-Garderobe eine kleine, feine Phänomenologie der Körpersprachen.

Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin (u.a. Péter Esterházy, Péter Nádas, Zsuzsa Rakovszky, Ottó Tolnai und István Vörös) in Müllheim, Kanton Thurgau. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. aspekte-Literaturpreis (1983), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2006), Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung (2010).

Buchveröffentlichungen (Auswahl): Zero (1983), Berganza (1984), Stadt Land Fluss (1988), Hundertundein Stilleben (1991), Essig und Öl (1992), Kellnerroman (1996), Wie geht es dem Text? Bamberger Vorlesungen (1997), Nichts ist wie (1999). In der Edition Korrespondenzen erschienen Instabile Texte (2005), Oh, Roman (2007), Donauwürfel (2010), Südsudelbuch (2012) und Die Erbschaft (2012)



Zsuzsanna Gahse, durch und durch. Müllheim / Thur in drei Kapiteln
Originalausgabe
176 Seiten, gebunden, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902113-28-3     € 21,50


Pressestimmen

Autoren-Website: www.zsuzsannagahse.ch