Oswald Egger

-broich
Homotopien eines Gedichts



Das Haldenplateau ist Stufenschutt versetzt, Trittpflanzen wie Drahtschmielen und Salbland-Gamander, und Hainrispengras, verkippte Lehme, Sande, Tone, und Viskose Dostwasserwannen mit Kupferschlacken Klebgras-Flächen, Brachholz-Areale Kraftwerks-Aschen und Zinkflut Erdflechte Flözterrassen der Bergekapazität. (»Immer neue Häufhügel, das Zählen der Stechgewächse, Kroch-Halden, über dem Asphaltginster der Palisaden, Eichsträucher, aus den Sichtpfützen Finten von Lichtsirren der Birkensiedler tönt der geheckte, der Färbersperling, den ich aus den ungurren Rufen verworren auszuhorchen weiß, aber ahmt er nicht und überpflog die Sukzessionsstadien Ruinen von Erinnerung? wie Stieleichwälder Aronstab, oder Riedglatthafer, Rot-Weißdorne Nährgelände, Lagergalmeien, die Mergelblockböden Farnarmer Schüttgüter und Kohlgrus gefärbte Resedastauden – diese jener Seggenginster, mit Produktionszweigen Pioniertrieben und Immissions-Brutgebieten Montan-Managements«)
    Ich roch noch Hebmetalle, helle Kerosine in Kiesgruben, große Rostbehälter, Tankwannen, weite Kupfurnen und Gefäßschalen der Toxizitätsvermögen von Pyritverwitterung, Altlastländer, diese haben, wie Zeisigvögel in ihren Zechbrachen Molchwegen, Knöteriche Schrecken (ihrer Angst vor Angst).
    Ich habe eine Kröte röteln in der Scheuchnacht vom Asphalt im Mittsommer gebracht, in echten Steinklee, in Waldzwenke und Mauerlattich und häutigen, Aschpflanzen Beifuß-Garben.


47. TAG

22. JUNI


An einundachtzig aufeinander folgenden Tagen hat Oswald Egger deren »Unbegebenheiten« notiert und im »Wegzusammenhang« als »Ungelände« verzeichnet. Jeder Tag ist ein Anfangen und Aufbrechen, jeder Text ein briefing. In einundachtzig Miniaturen – entstanden auf der »Museum Insel Hombroich/Raketenstation« in Nordrhein-Westfalen – wird die Lust am sinnenreichen Wahrnehmen von Landschaft und Raum in Sprache geschöpft. Mit enzyklopädischer Vielfalt und in arabesken Girlanden verweben sich Wörter zu rhythmisch atmender Rede: sie »agglutinieren«, gehen Liaisons ein, lösen diese »wechselständig« wieder auf. Ereignis und Erzählung, Erkennen und Empfinden, Anschaulichkeit und Bildlichkeit fallen in solchen »stehenden Strömbildern« in eins, oder wie Oswald Egger vermerkt: »eins in eins – uneins«.
So wie kein Tag dem anderen gleicht, zeigt jedes Sprach-Tableau dieser Serie von narrativer Landschaft ein charakteristisches Kolorit. Und aus den Verschiebungen von Tag zu Tag, aber auch schon Wort für Wort, entsteht – ohne Umbruch, unversäumt – ein Panoptikum aus gleich-ungleichen Bildern: Zwischenbildern eines Poems.

Oswald Egger, geboren 1963 in Lana, Südtirol, lebt als freier Schriftsteller in Wien. Er erhielt u.a. den Mondseer Lyrikpreis (1999), den Clemens-Brentano-Lyrikpreis (2000) und den Lyrikpreis Meran (2002).
Buchpublikationen (Auswahl): Juli, September, August (Edition Solitude, 1995), Poemanderm Schlaf (Edition Howeg 1999), Herde der Rede (Suhrkamp Verlag 1999), Nichts, das ist (Suhrkamp Verlag 2001)




Oswald Egger, -broich. Homotopien eines Gedichts
Originalausgabe
92 Seiten, gebunden, Fadenheftung, Lesebändchen
ISBN 3-902113-20-0     € 18,50 / sfr 31,80

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