Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki

Tumor linguae
Aus dem Polnischen von Michael Zgodzay und Uljana Wolf


      ich kenne deinen tod nicht aber ich erinnere mich
      an deinen namen kenne nicht den brunnen des
      nachbarn der um mitternacht der brunnen aller
      toten ist unabhängig von geschlecht und taten

      kenne wirklich weder deinen tod noch nachbars
      brunnen wir ziehen am seil zu zweit oder zu dritt
      aber im flur pinkelt nur einer in den kleinen kübel
      voller unrat und schmutz aus dem wie man sagt

      schon immer übler gestank trat (gestank und glanz)
      ich kenne deinen tod nicht aber ich erinnere mich
      an den kübel nachts auf dem lehmboden nah den
      toten und morgens wenn man ihn neben dem zaun

      ausleerte blieb er draußen umgedreht stehen

Er ist von allem fasziniert, was wir gern ausschließen und als unrein erklären. Es ist der Schmutz, durch den sich seine Lyrik hindurcharbeitet. Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, eine der großen unverwechselbaren Stimmen der europäischen Poesie, wählt gesellschaftliche Randzonen als Schauplätze seiner Gedichte: Sterbezimmer, Friedhöfe, Stricherbars, Bahnhofstoiletten, Krankenhäuser, verlassene Orte. An ihnen konzentrieren sich zentrale Momente seines Lebens, wie Schizophrenie und Tod der Mutter, das Sterben seines Freundes Leszek oder homosexuelles Begehren. Manisch obsessiv kreisen seine Gedichte um diese Motive. In immer neuen Anläufen, durch Wiederaufnehmen von Versen und Satzfragmenten versuchen sie ins Zentrum des Nichtfassbaren vorzudringen – als würde Dycki ein einziges Gedicht schreiben, das immer wieder neue Gestalt annimmt. Mal düster, mal beschwingt, pendeln diese vielstimmigen Lieder zwischen Wohlklang und Derbheit, zwischen der Scheu sich zu zeigen und dem Sich-zeigen-Müssen.

Tumor linguae präsentiert eine fokussierte Auswahl aus den acht Gedichtbänden des Autors, die dem von Doreen Daume übersetzten Buch Geschichte polnischer Familien (Edition Korrespondenzen 2011) vorangingen.


Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, geb. 1962 an der polnisch-ukrainischen Grenze in Wólka Krowicka, lebt in Warschau. Er gilt als literarischer Einzelgänger, der durch legendäre Lesungen zum Kultautor avancierte. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 2009 den Nike-Literaturpreis, die bedeutendste literarische Auszeichnung Polens.



Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, Tumor linguae. Gedichte
Deutsche Erstausgabe
Polnisch/Deutsch, übersetzt von Michael Zgodzay und Uljana Wolf
Mit einem Nachwort von Michael Zgodzay
224 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902951-05-2      € 22,00