4
hält sich fest die faust
öffnet leicht die finger
fünf zeiger ein halber
himmel halb fester halt
3
behende die schritte
galoppiert der donner
einen stern auf der stirn
8
wozu diese schenkel
sind sie hypotenuse
sind sie dunkle täler
wozu sind sie entzwei
sind rückzug sind fort
gang sind heftige töchter
im zeichen des winds
unterscheiden sich nie
9
wohnt die scham in
der mitte der schenkel
der arme und beine
wohnt mitten im bauch
ein zerbrochener wagen
eine zunge zerbissen
von wörtern vom schweigen
verschluckt wohnt die
stille wartend im zentrum
5
in der tiefe des ohrs
prallen die töne auf bein
sickern ein in die kammern
der wehmut des zorns
das heer verloren im ziel
1
im kopf schmerzt der widerhall
2
erde und himmel in einem
einzigen bauch ein grollen
7
schmetternd jubelt der mund
kaut und mümmelt die
zähne die lippen der gaumen
höhlen und grenzen die
speisen und wörter die
laute das grunzen und
artikuliert sich ein see
6
feurig der blick auf die
kugel der erde der hohlraum
des alls bei geschlossenen
lidern und die wimpern
kometen der sonne ihre
starrenden protuberanzen
Dass sich die Welt sowohl buchstäblich, als auch chiffriert, codiert, ab- und aufgezählt aufs Erstaunlichste reimt, zeigt sich in Elfriede Czurdas neuem Gedichtband dunkelziffer.
Das Bedürfnis, jedes Phänomen in der unumstößlichen Gewissheit einer Zahlenreihe zu fixieren, ist keineswegs nur eine dominante zeitgenössische Technik, sie zieht sich durch sämtliche Kulturen der Welt. Der Zahl begegnet man auf Schritt und Tritt, sei es in der Zahlensymbolik von Magie und Mystik, in den Proportionen der Harmonielehre oder in den Algorithmen der Computerprogramme und Statistiken. Sie hilft beim Ordnen und Ausdeuten von Welt, reduziert das Komplexe aufs Überschaubare. Die »Dunkelziffer« bezeichnet hierbei jene im Verborgenen bleibenden Ereignisse, die den offiziell verzeichneten hinzugerechnet werden. Als imaginierte Zahl schließt sie vom Erfassten auf das Nicht-erfasste.
Dieser »unsauberen«, vieldeutigen Praxis der Zahlen in alle möglichen Zusammenhänge zu folgen, ist der Reiz dieser Gedichte, in denen Zahlen nicht nur abstrakte Zeichen sind, sondern Wörter, Klänge, Fiktionen, Architekturen, Sinnlichkeiten und Sinnstiftungen.
Elfriede Czurda, geb. 1946 in Wels, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Ihr breit gefächertes Werk umfasst Prosa, Gedichte, Essays und Hörstücke. In der Edition Korrespondenzen erschienen ich, weiß. 366 mikro-essays für die westentasche (2007) und die erweiterte Neuauflage von Kerner (2009).
Elfriede Czurda, dunkelziffer
Originalausgabe
ca. 128 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902113-70-2 ca. € 18,– / sfr 30,90 (erscheint im September 2010)