B: ... der Schnee verzehrt uns und geht weiter mit uns durch diese gesteigert
kindliche Zuckerlandschaft, diese grausam ungenießbaren Zuckerberge,
Zuckerhüte, Zuckerseen, zucken vor Sehnsucht, wenn sie mit Lichtge-
schwindigkeit und unfassbar langsam diese ausgehauenen Zuckerstücke
auswechseln, diese riesigen Zuckerkulissen, wo wir mit dem Agieren nie zu
Ende kommen, sondern als kandierte Agenten irgendeines groß-kotzigen
Zuckerfabrikanten nach Erfolg zucken und zäh in die dazu eingerichteten
Erfolgslabyrinthe hineinfließen, der Ideale wegen, der Zuckermaler wegen,
der süßen Gemeinschaft wegen, die entsteht, wenn das Ziel erreicht ist
und die Arbeitsgruppe 13 sich uns in ihrer ganzen Verdammnis offenbart ...
D: ... als Fleisch von unserem Fleisch ...
C: ... als Schafe von unserem schafigen Fleisch ...
B: ... dieses tiefgefrorene Schafsfleisch, das im Schnee schläft ...
F: ... und wir legen uns zu ihnen und wärmen sie mit unseren vielen Schafs-
körpern, so dass wir einen zusammengepferchten vielköpfigen kleinen
Schafsklumpen bilden, der sein Fell ein bisschen wegzieht und seine vielen
Schafsgesichter entblößt, damit sie sprechen und Rat suchen, Rat geben
können.
Alle: Mäh mäh mäh ...
Wie ein tibetanischer Mönchschor
Inger Christensens Hörstück ist ein vielstimmiges Spiel um eine revolutionäre Gruppe, die einen Piratensender betreibt – »irgendwo auf der Erde, warum also nicht hier« – und die ihre Mitteilungen in Form eines Codes sendet. Es ist indes unklar, ob sich der Code überhaupt von jemandem entziffern und seiner Absicht entsprechend gebrauchen lässt. Insofern er aber symptomatisch ist für das Verhältnis zwischen einer alternativen Gruppe und einem etablierten System, lässt er sich vielleicht missbrauchen: dazu nämlich, jene Dinge aufzudecken, die sich ständig zwischen Theorie und Handlung verlieren, oder die versteckten Übergänge aufzuzeigen zwischen den Arten und Weisen, ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems zu sein.
Wer also sind die verirrten Schafe? Wer sind die irregeführten Schafe? »Eines jedenfalls ist sicher: Wenn du lernst, dich als Schaf zu fühlen, dann stehst du auch mit der Verantwortung für die Welt da.«
Inger Christensen, geboren 1935 in Vejle/Jütland, lebt in Kopenhagen. Sie veröffentlichte Romane, Erzählungen, Lyrik und Essays, schrieb fünf Hörspiele, ein Theaterstück und ein Opernlibretto. Ihr Werk, in dem die Grenzen zwischen Poesie, Philosophie und Religion durchlässig sind, zählt zum Bedeutendsten der europäischen Gegenwartsliteratur und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet.
Wichtigste Werke (in Übersetzung von Hanns Grössel): alphabet (1988); brief im april (1990); Gedicht vom Tod (1991); Teil des Labyrinths (1993); Das Schmetterlingstal (1995) - alle im Verlag Kleinheinrich.
Inger Christensen, Massenhaft Schnee für die darbenden Schafe. Ein Hörspiel
Deutsche Erstausgabe
aus dem Dänischen von Hanns Grössel
40 Seiten, broschiert
ISBN 3-902113-14-6 € 9,50 / sfr 17,10