Xaver Bayer
feat. Anton Čechov 

Als ich heute aufwachte, aufstand und mich wusch, da schien mir plötzlich, mir sei alles klar auf dieser Welt und ich wüsste, wie man leben soll




      Y: Bald wird hier kein Mensch mehr sein. Die Leute werden registrieren, dass es zu Ende ist, sie werden klatschen oder ostentativ nicht klatschen, um sich von den anderen zu unterscheiden, sie werden aufstehen, an ihrer Kleidung herumnesteln, die Augen allmählich auf den Ausgang richten, vor dem es sich zu stauen beginnen wird, wie auch bei der Garderobe. Sie werden dann in Gruppen draußen im Freien stehen, zwischen den Häusern wie am Boden eines großen Schachts, aus dem sie nicht herauskönnen, sie werden sich Zigaretten anzünden, ihre Handys anschalten und insgeheim wie jedes Mal hoffen, dass ihr unbekannter Traummann oder ihre unbekannte Traumfrau ein Ich-will-dich-kennen-lernen-SMS geschickt hat. Sie werden über dies und das reden, die Nase rümpfen oder lächeln und das Lied »Pale Blue Eyes« hören, das gleich beginnen und später noch immer von drinnen nach draußen klingen wird. Beim Weg nach Hause werden sie nicht anders können, als daran zu denken, was sie gehört und gesehen haben. Und der Raum hier wird bald ganz menschenleer sein, alle werden gegangen sein, nur wir bleiben allein zurück, um unser Leben von vorn anzufangen. (Leise beginnt das Lied »Pale Blue Eyes« von Velvet Underground zu spielen.)



Xaver Bayer zu seinem Buch: »In Čechovs Stück Drei Schwestern, das Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben wurde, wird dargestellt, wie Menschen miteinander reden, und zwar nicht sehr anders, so kam es mir vor, wie Menschen heute miteinander reden. Man diskutiert und parliert, Belangloses neben Bedeutsamem, man zitiert aus Büchern und Stücken (heute wären es vielleicht Filme), erwähnt Neuigkeiten aus der Zeitung, oder eine Zeile eines Songs will einem nicht aus dem Kopf gehen. Also habe ich in der Adaption von den Drei Schwestern Menschen unserer Zeit miteinander sprechen lassen und zwischen ihre eigenen Aussagen Sätze aus Čechovs Stück geschmuggelt. Oft merkt man das nicht einmal, so sehr ist es, als würden sie heute gesprochen, aber teilweise fallen sie eklatant auf durch eine gewisse stilistische Antiquiertheit. Und gerade in dieser Antiquiertheit, die eigentlich ein Selten- oder Schon-lange-nicht-mehr-Gehörthaben ist, steckt etwas, das mehr aufschreckt als alle Parolen der Helden von heute: die Ahnung, dass auch in Zukunft Menschen beieinander sitzen und sich mehr oder minder explizit über die merkwürdige Leere ihres Lebens unterhalten werden, während rundherum alles andere ohne sie passiert und vonstatten geht.«

Xaver Bayer, geb. 1977 in Wien, wo er auch heute lebt und arbeitet. Studium der Philosophie und Germanistik. In der Edition Korrespondenzen erschien 2014 ein Sammelband Aus dem Nebenzimmer, der verstreut erschienene wie auch unveröffentlichte Kurzprosa, Versuche, Gedichte und Short Stories umfasst.


Xave
r Bayer, Als ich heute aufwachte, aufstand und mich wusch, da schien mir plötzlich, mir sei alles klar auf dieser Welt und ich wüsste, wie man leben soll
Originalausgabe
48 Seiten, broschiert, fadengeheftet
ISBN 3-902113-27-8     € 9,– / sfr 16,20

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