Ilse Aichinger

Kurzschlüsse


Wien ist ein zentraler Bezugspunkt von Ilse Aichingers Schreiben. In die Topografie dieser Stadt sind ihre Erinnerungen eingeschrieben, die »äußerste Geborgenheit« der Kindheit ebenso wie die »äußerste Bedrängnis« der Kriegszeit, als ihre jüdischen Verwandten deportiert wurden und sie die Stadt als ›Mischling ersten Grades‹ nicht verlassen durfte.

Die in den fünfziger Jahren entstandenen Prosagedichte Kurzschlüsse, die hier erstmals vollständig versammelt sind, umkreisen die verminten Stellen dieses Geländes. Sie umspielen sie drohend und verheißend, bis darin, im Hier und Jetzt des Kurzschlusses, weit entfernte Räume, Zeiten und Möglichkeiten aufscheinen. Bis Juden, die das Ghetto nicht verlassen können, vor dem geschlossenen Verladebüro ihr ersehntes Land finden und der Besatzungssoldat auf dem Kanal die Arche Noah vorbeifahren sieht.

Im Essay Die Sicht der Entfremdung von 1952 plädiert Ilse Aichinger für eine radikal offene Weltbetrachtung, für die Bereitschaft, sich zu wundern, die Orte erst »zu Orten werden läßt und ihnen ihre Namen neu gibt«, und liefert damit die Poetologie zu den Prosagedichten.

Ilse Aichinger, geb. am 1. 11. 1921 in Wien, wo sie seit 1988 auch wieder lebt. Ihr Werk, vielfach ausgezeichnet, zählt zum Bedeutendsten der deutschen Nachkriegsliteratur.

In der Edition Korrespondenzen erschienen:
Kurzschlüsse
CD Kurzschlüsse, gelesen von Ilse Aichinger
Subtexte
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein (Ilse Aichinger / Brüder Grimm)
Es muss gar nichts bleiben. Interviews 1952-2005


Ilse Aichinger, Kurzschlüsse. Wien
Originalausgabe
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Simone Fässler
96 Seiten, gebunden, Fadenheftung, Lesebändchen
ISBN 978-3-902113-07-8    € 18,50


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